...aus meinem Reisetagebuch.

reisetagebuch

Aus meinem Reisetagebuch....

Auf den Spuren von Tashi!

Fahrt zum Buddhistenkloster Tawang - zwischen Buthan und Tibet

Ab in den Himalaya

Es ist kurz vor Weihnachten. Nach einigen Tagen in den Teeplantagen von Assam haben wir die letzte Nacht in Bhalukpong verbracht - der Grenzstadt nach Arunachal Pradesh. Heute brechen wir auf ins "Land der Sieben Schwestern" - so werden die streng abgeschotteten Provinzen im äußersten Nordosten Indiens genannt. Umrahmt von Buthan, Tibet, China und Myanmar liegen die Schwesternstaaten teils weit im himmelhohen Himalaya, teils in den Ebenen des Brahmaputra. Wir wollen hoch nach Tawang. Dort ist nach Lhasa das zweitgrößte buddhisthische Kloster des Gelugpa-Ordens. Die Einreise in diese Regionen, wo noch über 28 unterschiedliche Urvölker leben, ist schwierig. Es dauert Stunden, bevor Rupak für uns die Grenzformalitäten erledigt hat. Überall ist Militär, auch schwere Panzerfahrzeuge sehen wir...

On the road
01Eine schmale, ungeteerte Straße schlängelt sich entlang eines Tales, immer weiter bergauf. Unter uns rauscht der türkisgrüne Kameng, der seinen Namen ständig wechselt. Jedes Urvolk gibt ihm seinen eigenen Namen. Metertiefe Schlaglöcher, weggeschwemmte Wegstücke und Schlammlawinen machen das Vorankommen schwierig. Jayanto, unser Fahrer ist ein wahrer Fahrkünstler. Manchmal muss er unseren Mahindra haarscharf am ungesicherten Abgrund entlang steuern. Dann wiederum lenkt er das Auto so steil seitlich am Berghang entlang, dass wir alle bergabwärts gedrückt werden. Plötzlich fehlt die Straße komplett.

02

Ein Bergrutsch hat die Verbindung unterbrochen. Was nun? Wir warten. Weder Rupak noch Jayanto sind beunruhigt. Dann tauchen plötzlich, wie aus dem Nichts eine Kolonne Arbeiter auf. Männer mit Schaufeln und Frauen mit Tragekörben. Sie machen sich sofort daran, das Geröll wegzuräumen. Irgendwann rollt auch noch ein Bulldozer heran. Anfangs waren wir das einzige Auto. Nach zwei Stunden sind nochmals drei, vier Autos dazu gekommen. Nach vier Stunden geht es endlich weiter. Kurve um Kurve zieht sich der Weg erst durch dichten Dschungel, dann immer höher in atemberaubendes Bergland.

 03Als wir den ersten Pass in etwa 2000 Metern Höhe erreichen liegt vor uns der 6700 Meter hohe Kangto, schneebedeckt und irgendwie entrückt.

 

 

 

Warum ist hier so viel Militär?
04Auf der anderen Seite des Passes liegt Tenzu, eine Militärstation. Panzer und andere Militärfahrzeuge sind ständig auf Patrouille. Warum? Hier leben doch nur einfache Bauern, die Monpas. Sie ertragen die Anwesenheit des Militärs mit stoischer Ruhe. Was für ein Kontrast. Auf der einen Seite die martialisch anmutenden, schlammig braunen Kriegsfahrzeuge, auf der anderen Seite Stupas und tibetische, bunte Gebetsfähnchen. Auf jeder Fahne stehen gute Wünsche, die der Wind ins Land trägt. Sie symbolisieren je nach Farbe die fünf Elemente. Rot (Feuer) - Weiß (Luft) - Grün (Erde) - Blau (Wasser) - Gelb (Raum).

05In Tenzu erfahren wir, dass für die nächsten Tage jeglicher Funk- und Telefonkontakt unterbunden ist. Wir sind nun abgeschirmt und isoliert vom Rest der Welt. Mist! Jetzt können wir unser Familie nicht einmal mitteilen, dass wir gut angekommen sind. Jetzt wird niemand erfahren, wenn uns etwas passiert. Ein mulmiges Gefühl. 
Rupak erzählt, dass die indische Regierung chinesische Übergriffe befürchtet. Die Chinesen beanspruchen diese Region, die geistig dem so nahen Tibet sehr nahe steht, ebenfalls für sich. Nun hat sich der Dalai Lama für einen Besuch angesagt - die Chinesen verstehen es als Affront, wenn ihr alter Feind ausgerechnet in diese Region kommt. Die Inder wappnen sich dagegen. Wir stehen dazwischen und haben von nichts gewusst...
"Es ist unser Schicksal", bescheidet uns Rupak  ungerührt. "Wir dürfen immerhin weiterreisen!"

 

 

06Dann zieht ein Konvoi Trommel schlagender Mönche und Nonnen an uns vorüber. Sie sind auf den
Pritschen von Lastwägen zusammengepfercht und lachen und winken, als sie uns sehen.

Ihre gute Laune steckt an. Wir steigen wieder in unseren Jeep. Kurve um Kurve um Kurve geht es weiter in die immer höher werdenden Berge. Mal ist die Piste sandig, dann staubig, dann matschig, dann wieder unbefahrbar. Dennoch geht es immer weiter voran. Stunde um Stunde um Stunde. Tag um Tag. Ich bewundere Rupak. Er schläft immer wieder ein, sein Kopf baumelt in alle Richtungen - keine Erschütterung kann ihm etwas anhaben. Wir anderen kämpfen unentwegt gegen die Reisekrankheit und die zunehmende Höhe an. Bald geht es auf die 5000 Meter zu..

07 08 09
Zwei Tage später....
Kältetraining in Tawang

Mögen die Temperaturen im winterlichen Himalaya um die Mittagszeit auch 10 Grad erreichen, sobald die Sonne weg ist (und das geschieht in Anbetracht der hohen Berge leider nur allzu schnell) wird es bitter-, bitterkalt. Beim Abendessen in unserer Pilgerunterkunft schlug der Atem Wolken.

10Der Speisesaal könnte genauso gut unter freiem Himmel sein. Dabei haben wir alles an, was wir besitzen. Nach dem Essen verkriechen wir uns in unseren Zimmern. Eingehüllt in Schlafsäcke und zwei Daunendecken bibbern wir um die Wette. Die Höhenluft tut ihr übriges. Jede noch so kleine Unternehmung ist anstrengend. Doch zum Glück bekommt keiner von uns die Höhenkrankheit.

Am nächsten Morgen siegt mein Bedürfnis nach Sauberkeit. Seit Tagen konnten wir uns nicht richtig waschen. Alles müffelt und stinkt. Also beiße ich die Zähne zusammen, zieh mich aus und übergieße mich mit dem eiskalten Wasser, das in einem schmuddeligen Plastikeimer für unsere Toilette bereit steht. Mein Atem stockt. Ich bekomme vor Kälte kaum Luft, aber irgendwie muss die Seife ja wieder runter. Ich schlottere wie Espenlaub. Danach fühle ich mich wie geschrumpft. Aber! Ich bin sauber.

Meine Familie lacht mich aus - und entscheidet sich weise dafür, ihren Mief lieber weiter zu ertragen...

Manchmal sind Ideen gefragt

Danach basteln wir uns "Tempelsocken". Buddhistische und Hinduistische Klöster darf man nicht mit Schuhen betreten. Aber bei diesen Temperaturen ist das beinahe unmöglich, wenn man nicht eine Lungenentzündung in Kauf nehmen will. Da strumpfsockig erlaubt ist, arbeiten wir heimlich unsere Flipflops in die Socken mit ein.

Im Speisesaal ist es wieder eiskalt. Kurz entschlossen bringen wir den Tisch nach draußen und frühstücken in der Sonne. Langsam gewöhne ich mich daran, dass es schon morgens Erbsen-Karoffel-Curry und Puri gibt.

Die Gompa von Tawang

D11as Kloster von Tawang thront majestätisch auf dem höchsten Hügel über dem weiten Tal von Tawang. Die Gompa ist wie eine Festung ummauert. Um eine zentrale Halle sind die Wohnhäuser der Mönche gruppiert. Sie leben in Wohngemeinschaften miteinander. Zwischen zehn und zwölf Mönche teilen sich ein Haus. Dabei achten sie darauf, dass jede Gemeinschaft altersmäßig gut durchmischt ist. Von 3-jährigen Knaben bis zum über 80-jährigen Greis. Jede, der hier ansäßigen Monpa-Familien gibt mindestens ein Kind ins Kloster. Dort werden die Jungen in buddhistischer Philosophie, Mathematik, Lesen und Schreiben und in Naturwissenschaften ausgebildet.

12Als wir durch eines der Tore das befestigte Kloster betreten, sind wir weit und breit die einzigen Fremden. Seit wir in Assam aufgebrochen sind, haben wir außer uns keine Fremden mehr gesehen. Umso aufmerksamer werden wir beobachtet. Vor einem der Holzhäuser, die steinerne Fundamente besitzen, hacken ein paar Jungs Holz.
Trotz der Kälte haben sie ihre roten Mönchsroben zum Teil abgelegt. Sie mögen kaum älter als 12 sein. Sie beachten uns aus den Augenwinkeln. Ein älterer Mönch tritt an uns heran und fragt, woher wir kommen. Deutschland ist ihm unbekannt, aber mit Europa kann er schon etwas anfangen. Er hebt erstaunt die Augenbrauen und will wissen, ob wir hier Erleuchtung suchen. 13Bevor wir antworten können, bedeutet er uns, ihm in die große Gebetshalle zu folgen.

 

 

 

 

14Dort findet gerade eine Zeremonie statt. Wir ziehen unsere Schuhe aus - und die aufgetunten Tempelsocken über. Dann betreten wir die mächtige Halle. Überall brennen Kerzen und Öllampen. Ein über 9 Meter hoher goldener Buddha thront auf einem mit Blumen, Opfergaben und Kerzen geschmückten Podest.

Das dumpfe Dröhnen der gleichmäßig geschlagenen Doppelfelltrommel, der rnga,  das sanfte Schlagen von Paarbecken, den rol-mo, das Läuten der Stielhandglocken, der dril-bu und das verstörende Tröten meterlanger Blasinstrumente ziehen uns unwillkürlich in ihren Bann.
 
15Auf hohen, steinernen Sitzen beten und singen die höher gestellten Lamas. Ihnen hören unruhige 6-jährige zu. Sie sitzen auf gepolsterten Bänken und versuchen sich zu konzentrieren. Einer von ihnen schlägt mit einem gebogenen Stab die Trommel. Hinter den Kleinen studieren jugendliche Mönche diverse Schriftrollen. Einer fällt mir besonders auf. Er hat den Schalk im Nacken. Seine schrägen Augen blitzen immer wieder belustigt auf, als er uns beobachtet.
An ihn musste ich immer denken, wenn ich über Tashi schrieb!
 
16Während der Zeremonie geht es nicht meditativ ruhig zu, eher so, wie in einem Bienenschwarm. Einige Jungen huschen mit Messingkannen umher und gießen den frierenden Betenden heißen Yaktee in Schalen. Ein älterer passt auf, dass die Kleinen nicht zu viel Unsinn machen und maßregelt sie gegebenen falls. Vor dem mächtigen, goldenen Buddha kratzen Mönche das Wachs der Opferkerzen vom Boden weg. Eine Tibeterin opfert mit ihrer Tochter einer der vielen anderen Buddhafiguren etwas Reis. Neben dem Eingang hängen große Tücher. Sie verdecken die gemalten Dämonen, damit sie das Ritual nicht stören.
Trotz dieser Betriebsamkeit geht eine unglaubliche Ruhe von dem Ort aus. Ich fühle mich so wohl und entspannt und freue mich, an eben diesem Platz zu sein. Gedankenverloren drehe ich an den hölzernen Gebetsmühlen. Mögen die guten Wünsche für uns alle in Erfüllung gehen.
Dann ist alles schnell vorbei. Die Musik verstummt. Die großen Flügeltüren werden aufgerissen. Sonne strömt in die heilige Halle. Junge und alte Mönche strömen hinaus ins Freie. Sie lachen und rennen und stürzen sich ins alltägliche Leben. Die Tücher vor den Dämonen werden abgehängt. Jetzt dürfen sie wieder ihre bösen Fratzen reißen und können ebenso wenig dem ewigen17 Rad des Lebens entkommen wie wir normalen Sterblichen. 

...Fortsetzung folgt. Demnächst: auf den Spuren von Lohang Hoto - die Kopfjäger der Wancho und andere Naturvölker im Land der Sieben Schwestern



Aus meinem Reisetagebuch.... Auf den Spuren von Tashi! Fahrt zum Buddhistenkloster Tawang - zwischen Buthan und Tibet   Ab in den Himalaya Es ist kurz vor Weihnachten. Nach einigen Tagen in den Teeplantagen von Assam haben wir die letzte Nacht in Bhalukpong verbracht - der Grenzstadt nach Arunachal Pradesh. Heute brechen wir auf ins "Land der Sieben Schwestern" - so werden die streng abgeschotteten Provinzen im äußersten Nordosten Indiens genannt. Umrahmt von Buthan, Tibet, China und Myanmar liegen die Schwesternstaaten teils weit im himmelhohen Himalaya, teils in den Ebenen des Brahmaputra. Wir wollen hoch nach Tawang. Dort ist nach Lhasa das zweitgrößte buddhisthische Kloster des Gelugpa-Ordens. Die Einreise in diese Regionen, wo noch über 28 unterschiedliche Urvölker leben, ist schwierig. Es dauert Stunden, bevor Rupak für uns die Grenzformalitäten erledigt hat. Überall ist Militär, auch schwere Panzerfahrzeuge sehen wir... On the road Eine schmale, ungeteerte Straße schlängelt sich entlang eines Tales, immer weiter bergauf. Unter uns rauscht der türkisgrüne Kameng, der seinen Namen ständig wechselt. Jedes Urvolk gibt ihm seinen eigenen Namen. Metertiefe Schlaglöcher, weggeschwemmte Wegstücke und Schlammlawinen machen das Vorankommen schwierig. Jayanto, unser Fahrer ist ein wahrer Fahrkünstler. Manchmal muss er unseren Mahindra haarscharf am ungesicherten Abgrund entlang steuern. Dann wiederum lenkt er das Auto so steil seitlich am Berghang entlang, dass wir alle bergabwärts gedrückt werden. Plötzlich fehlt die Straße komplett.  Ein Bergrutsch hat die Verbindung unterbrochen. Was nun? Wir warten. Weder Rupak noch Jayanto sind beunruhigt. Dann tauchen plötzlich, wie aus dem Nichts eine Kolonne Arbeiter auf. Männer mit Schaufeln und Frauen mit Tragekörben. Sie machen sich sofort daran, das Geröll wegzuräumen. Irgendwann rollt auch noch ein Bulldozer heran. Anfangs waren wir das einzige Auto. Nach zwei Stunden sind nochmals drei, vier Autos dazu gekommen. Nach vier Stunden geht es endlich weiter. Kurve um Kurve zieht sich der Weg erst durch dichten Dschungel, dann immer höher in atemberaubendes Bergland. Als wir den ersten Pass in etwa 2000 Metern Höhe erreichen liegt vor uns der 6700 Meter hohe Kangto, schneebedeckt und irgendwie entrückt. Warum ist hier so viel Militär? Auf der anderen Seite des Passes liegt Tenzu, eine Militärstation. Panzer und andere Militärfahrzeuge sind ständig auf Patrouille. Warum? Hier leben doch nur einfache Bauern, die Monpas. Sie ertragen die Anwesenheit des Militärs mit stoischer Ruhe. Was für ein Kontrast. Auf der einen Seite die martialisch anmutenden, schlammig braunen Kriegsfahrzeuge, auf der anderen Seite Stupas und tibetische, bunte Gebetsfähnchen. Auf jeder Fahne stehen gute Wünsche, die der Wind ins Land trägt. Sie symbolisieren je nach Farbe die fünf Elemente. Rot (Feuer) - Weiß (Luft) - Grün (Erde) - Blau (Wasser) - Gelb (Raum).   In Tenzu erfahren wir, dass für die nächsten Tage jeglicher Funk- und Telefonkontakt unterbunden ist. Wir sind nun abgeschirmt und isoliert vom Rest der Welt. Mist! Jetzt können wir unser Familie nicht einmal mitteilen, dass wir gut angekommen sind. Jetzt wird niemand erfahren, wenn uns etwas passiert. Ein mulmiges Gefühl. Rupak erzählt, dass die indische Regierung chinesische Übergriffe befürchtet. Die Chinesen beanspruchen diese Region, die geistig dem so nahen Tibet sehr nahe steht, ebenfalls für sich. Nun hat sich der Dalai Lama für einen Besuch angesagt - die Chinesen verstehen es als Affront, wenn ihr alter Feind ausgerechnet in diese Region kommt. Die Inder wappnen sich dagegen. Wir stehen dazwischen und haben von nichts gewusst... "Es ist unser Schicksal", bescheidet uns Rupak  ungerührt. "Wir dürfen immerhin weiterreisen!" Dann zieht ein Konvoi Trommel schlagender Mönche und Nonnen an uns vorüber. Sie sind auf den Pritschen von Lastwägen zusammengepfercht und lachen und winken, als sie uns sehen. Ihre gute Laune steckt an. Wir steigen wieder in unseren Jeep. Kurve um Kurve um Kurve geht es weiter in die immer höher werdenden Berge. Mal ist die Piste sandig, dann staubig, dann matschig, dann wieder unbefahrbar. Dennoch geht es immer weiter voran. Stunde um Stunde um Stunde. Tag um Tag. Ich bewundere Rupak. Er schläft immer wieder ein, sein Kopf baumelt in alle Richtungen - keine Erschütterung kann ihm etwas anhaben. Wir anderen kämpfen unentwegt gegen die Reisekrankheit und die zunehmende Höhe an. Bald geht es auf die 5000 Meter zu.. Zwei Tage später.... Kältetraining in Tawang     Mögen die Temperaturen im winterlichen Himalaya um die Mittagszeit auch 10 Grad erreichen, sobald die Sonne weg ist (und das geschieht in Anbetracht der hohen Berge leider nur allzu schnell) wird es bitter-, bitterkalt. Beim Abendessen in unserer Pilgerunterkunft schlug der Atem Wolken.  Der Speisesaal könnte genauso gut unter freiem Himmel sein. Dabei haben wir alles an, was wir besitzen. Nach dem Essen verkriechen wir uns in unseren Zimmern. Eingehüllt in Schlafsäcke und zwei Daunendecken bibbern wir um die Wette. Die Höhenluft tut ihr übriges. Jede noch so kleine Unternehmung ist anstrengend. Doch zum Glück bekommt keiner von uns die Höhenkrankheit. Am nächsten Morgen siegt mein Bedürfnis nach Sauberkeit. Seit Tagen konnten wir uns nicht richtig waschen. Alles müffelt und stinkt. Also beiße ich die Zähne zusammen, zieh mich aus und übergieße mich mit dem eiskalten Wasser, das in einem schmuddeligen Plastikeimer für unsere Toilette bereit steht. Mein Atem stockt. Ich bekomme vor Kälte kaum Luft, aber irgendwie muss die Seife ja wieder runter. Ich schlottere wie Espenlaub. Danach fühle ich mich wie geschrumpft. Aber! Ich bin sauber. Meine Familie lacht mich aus - und entscheidet sich weise dafür, ihren Mief lieber weiter zu ertragen... Manchmal sind Ideen gefragt Danach basteln wir uns "Tempelsocken". Buddhistische und Hinduistische Klöster darf man nicht mit Schuhen betreten. Aber bei diesen Temperaturen ist das beinahe unmöglich, wenn man nicht eine Lungenentzündung in Kauf nehmen will. Da strumpfsockig erlaubt ist, arbeiten wir heimlich unsere Flipflops in die Socken mit ein. Im Speisesaal ist es wieder eiskalt. Kurz entschlossen bringen wir den Tisch nach draußen und frühstücken in der Sonne. Langsam gewöhne ich mich daran, dass es schon morgens Erbsen-Karoffel-Curry und Puri gibt. Die Gompa von Tawang Das Kloster von Tawang thront majestätisch auf dem höchsten Hügel über dem weiten Tal von Tawang. Die Gompa ist wie eine Festung ummauert. Um eine zentrale Halle sind die Wohnhäuser der Mönche gruppiert. Sie leben in Wohngemeinschaften miteinander. Zwischen zehn und zwölf Mönche teilen sich ein Haus. Dabei achten sie darauf, dass jede Gemeinschaft altersmäßig gut durchmischt ist. Von 3-jährigen Knaben bis zum über 80-jährigen Greis. Jede, der hier ansäßigen Monpa-Familien gibt mindestens ein Kind ins Kloster. Dort werden die Jungen in buddhistischer Philosophie, Mathematik, Lesen und Schreiben und in Naturwissenschaften ausgebildet. Als wir durch eines der Tore das befestigte Kloster betreten, sind wir weit und breit die einzigen Fremden. Seit wir in Assam aufgebrochen sind, haben wir außer uns keine Fremden mehr gesehen. Umso aufmerksamer werden wir beobachtet. Vor einem der Holzhäuser, die steinerne Fundamente besitzen, hacken    ein paar Jungs Holz. Trotz der Kälte haben sie ihre roten Mönchsroben zum Teil abgelegt. Sie mögen kaum älter als 12 sein. Sie beachten uns aus den Augenwinkeln. Ein älterer Mönch tritt an uns heran und fragt, woher wir kommen. Deutschland ist ihm unbekannt, aber mit Europa kann er schon etwas anfangen. Er hebt erstaunt die Augenbrauen und will wissen, ob wir hier Erleuchtung suchen. Bevor wir antworten können, bedeutet er uns, ihm in die große Gebetshalle zu folgen. Buddhistische Andacht Dort findet gerade eine Zeremonie statt. Wir ziehen unsere Schuhe aus - und die aufgetunten Tempelsocken über. Dann betreten wir die mächtige Halle. Überall brennen Kerzen und Öllampen. Ein über 9 Meter hoher goldener Buddha thront auf einem mit Blumen, Opfergaben und Kerzen geschmückten Podest. Das dumpfe Dröhnen der gleichmäßig geschlagenen Doppelfelltrommel, der rnga,  das sanfte Schlagen von Paarbecken, den rol-mo, das Läuten der Stielhandglocken, der dril-bu und das verstörende Tröten meterlanger Blasinstrumente ziehen uns unwillkürlich in ihren Bann.   Auf hohen, steinernen Sitzen beten und singen die höher gestellten Lamas. Ihnen hören unruhige 6-jährige zu. Sie sitzen auf gepolsterten Bänken und versuchen sich zu konzentrieren. Einer von ihnen schlägt mit einem gebogenen Stab die Trommel. Hinter den Kleinen studieren jugendliche Mönche diverse Schriftrollen. Einer fällt mir besonders auf. Er hat den Schalk im Nacken. Seine schrägen Augen blitzen immer wieder belustigt auf, als er uns beobachtet. An ihn musste ich immer denken, wenn ich über Tashi schrieb! Während der Zeremonie geht es nicht meditativ ruhig zu, eher so, wie in einem Bienenschwarm. Einige Jungen huschen mit Messingkannen umher und gießen den frierenden Betenden heißen Yaktee in Schalen. Ein älterer passt auf, dass die Kleinen nicht zu viel Unsinn machen und maßregelt sie gegebenen falls. Vor dem mächtigen, goldenen Buddha kratzen Mönche das Wachs der Opferkerzen vom Boden weg. Eine Tibeterin opfert mit ihrer Tochter einer der vielen anderen Buddhafiguren etwas Reis. Neben dem Eingang hängen große Tücher. Sie verdecken die gemalten Dämonen, damit sie das Ritual nicht stören. Trotz dieser Betriebsamkeit geht eine unglaubliche Ruhe von dem Ort aus. Ich fühle mich so wohl und entspannt und freue mich, an eben diesem Platz zu sein. Gedankenverloren drehe ich an den hölzernen Gebetsmühlen. Mögen die guten Wünsche für uns alle in Erfüllung gehen. Dann ist alles schnell vorbei. Die Musik verstummt. Die großen Flügeltüren werden aufgerissen. Sonne strömt in die heilige Halle. Junge und alte Mönche strömen hinaus ins Freie. Sie lachen und rennen und stürzen sich ins alltägliche Leben. Die Tücher vor den Dämonen werden abgehängt. Jetzt dürfen sie wieder ihre bösen Fratzen reißen und können ebenso wenig dem ewigen Rad des Lebens entkommen wie wir normalen Sterblichen.   ...Fortsetzung folgt. Demnächst: auf den Spuren von Lohang Hoto - die Kopfjäger der Wancho und andere Naturvölker im Land der Sieben Schwestern